Die Akzeptanz der Energiewende ist nur noch dort vorhanden,
wo das Wissen um ihre Auswirkungen fehlt!

Artikel in der Welt: Wie die Natur verraten und verkauft wird

Ausgerechnet Grüne und BUND machen sich stark für den Ausbau von Windrädern und Stromtrassen in Naturschutzgebieten und Biosphärenreservaten. Was ist da nur in sie gefahren?

Von Dankwart Guratzsch, Welt, 11. August 2018

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article131079723/Wie-die-Natur-verraten-und-verkauft-wird.html

Die Welt, Dankwart Guratzsch schreibt in diesem Artikel u.a.:

Windräder als "Gesicht" der Energiewende

In der Arbeitsgruppe Energiekonzept Südpfalz, die sich für die Verspargelung des Biosphärenreservats Pfälzerwald/Nordvogesen einsetzt, agieren neben Lobbyisten von Energieerzeugern und Solarfirmen auch zwei Funktionäre des BUND, als habe es einen Kampf des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland gegen das Waldsterben nie gegeben.

Die Aktivisten machen sich dafür stark, 300 Millionen Euro in die Aufstellung von Windrädern in diesem sensiblen Landschaftsraum zu investieren. Ihre Losung lautet: "Wir wollen der Energiewende in der Südpfalz ein Gesicht geben." Aber was bezeichnen die beteiligten Damen und Herren als Gesicht?

Die von der Arbeitsgruppe vorgelegte Broschüre "Energiekonzept Südpfalz" ist ein Musterbeispiel dafür, wie durch ein täuschendes Vokabular und irreführende Sachbehauptungen die Thematik der großflächigen Landschaftsveränderung im Rahmen der Energiewende deutschlandweit schon fast routinemäßig kleingeredet und verharmlost wird.

So suggeriert das Papier gleich im Eingangsstatement: "Gegenüber den Veränderungen der Landschaft, mit seit Jahrzehnten immerzu gewachsenen Ansprüchen (dazu zählen Verkehrswege, Zersiedelung mit Flächenverbräuchen durch Neubaugebiete und Industrieansiedlung, Großkraftwerke und das Hochspannungsnetz), erscheinen regionale Anlagen für erneuerbare Stromerzeugung unbedeutend."

Das Bundesnaturschutzgesetz sagt klar "Nein"

Tatsache ist demgegenüber, dass 200 Meter hohe Windkraftanlagen das Landschaftsbild weiträumig wie keiner der aufgezählten Eingriffe verändern und ihrerseits weitere Leitungsnetze in bisher unberührte Naturräume ziehen. Das Bundesnaturschutzgesetz erteilt einem derartigen Umgang mit Landschaft eine klare Absage. Paragraf 1, Ziffer 5 des Gesetzes verlangt: "Großflächige, weitgehend unzerschnittene Landschaftsräume sind vor weiterer Zerschneidung zu bewahren."

Die erneute Inanspruchnahme bereits bebauter Flächen habe "Vorrang vor der Inanspruchnahme von Freiflächen im Außenbereich". Wo dies nicht mit letzter Konsequenz möglich ist, macht das Gesetz den Planern ausdrücklich zur Auflage: "Verkehrswege, Energieleitungen und ähnliche Vorhaben sollen landschaftsgerecht geführt, gestaltet und so gebündelt werden, dass die Zerschneidung und die Inanspruchnahme der Landschaft sowie Beeinträchtigungen des Naturhaushalts vermieden oder so gering wie möglich gehalten werden."

Weder die Verfasser des "Energiekonzepts Südpfalz" noch zum Beispiel das Regierungspräsidium Darmstadt mit seinem mehrbändigen "Sachlichen Teilplan Erneuerbare Energien" für das gesamte südliche Hessen haben es für nötig befunden, ihre Vorstellungen von der Umwandlung unberührter Landschaftsräume mit diesen Gesetzesvorgaben abzugleichen oder erst recht den Betroffenen zu vermitteln.

In keinem einzigen Fall wurde zum Beispiel das heute übliche, leicht zugängliche und hundertfach praktizierte Verfahren der maßstäblichen photogrammetrischen Simulation von Landschaftseingriffen angewandt. Die Energiewende soll im Blindflug absolviert werden.

Dilettantismus und Unverfrorenheit bei der Planung

Vielmehr hat man sich völlig auf diejenige Verfahrensweise verlassen, gegen die keine andere Partei jahrzehntelang so vehement angekämpft hat wie Bündnis 90/Die Grünen. Man konfrontiert die Anlieger mit scheinbar unumstößlichen, erschöpfenden und jeden Widerspruch niederschlagenden Argumenten der technischen Machbarkeit und Rationalität. Solchen Begriffen aber lässt sich der Landschaftsraum nicht unterwerfen. Schon gar nicht, wenn es um Anlagen geht, die das Landschaftsbild in einem Umkreis von bis zu 20 Kilometer Sichtweite dominieren.

Mit welchem verwaltungstechnischem Dilettantismus, aber auch welcher Unverfrorenheit hier vorgegangen wird, beweisen die sich mehrenden Fälle, in denen nicht nur schöne und unberührte Landschaften, sondern Naturschutzgebiete, Biosphärenreservate und sogar von der Unesco mit dem Prädikat des Weltkulturerbes prämierte Kulturdenkmale von Windparks bedrängt und eingekreist werden.

Hier schließt der jüngste Fall, das Gartenreich Dessau-Wörlitz, an das Römerkastell Saalburg im Taunus und das Obere Mittelrheintal zwischen Koblenz und Bingen unrühmlich an. Was Dessau-Wörlitz betrifft, sah sich jetzt sogar der Denkmalschutz veranlasst, seinen Widerstand anzumelden, wobei der Fall deshalb doppelt delikat ist, weil hier zwei Schutzkategorien, sowohl das Welterbe als auch das Biosphärenreservat Mittelelbe, gefährdet werden.

Dass derartige Schutzzonen überhaupt in den Fokus von Windparkplanungen gelangen können, beleuchtet nicht nur eine unglaubliche Hilflosigkeit der Planung, sondern auch die eklatante Unbrauchbarkeit des Instrumentenkastens der Verwaltung.

Machbarkeit ist Ausdruck von Schmalspurdenken

Planungen für oberirdische Eingriffe in unversehrte Landschaftsräume, die sich ausschließlich auf Kategorien der Machbarkeit stützen, ignorieren die Erfahrungen, die Politik und Planung mit einem solchen Schmalspurverständnis von Landesentwicklung bereits machen mussten. Sie können sich als schwere politische Fehlleistung erweisen und setzen sich angesichts der absehbaren Verlagerung des Streites auf die juristische Ebene sogar dem Verdacht einer hintersinnigen Sabotage der offiziellen Energiepolitik aus.

Wie die äußerst differenzierte Formulierung im Bundesnaturschutzgesetz zeigt, besteht aber überhaupt kein Widerspruch zwischen einer landschaftsschonenden und einer an Effektivität orientierten Planung. Voraussetzung ist, dass beide Gesichtspunkte in einem übergreifenden Konzept zusammengeführt werden. Das ist nicht eine Frage der Kosten und des Zeitaufwandes, sondern des politischen Könnens und der Fantasie.

Dem genialen deutschen "Grünplaner", Landschafts- und Stadtgestalter Peter Joseph Lenné war ein solches Verständnis von Planung ein mit unendlicher Geduld und nie versagendem Mut verfolgtes lebenslanges Anliegen. Von sich selbst in der dritten Person redend, legte er in seinem mit gestochener Schrift eigenhändig verfassten Lebenslauf von 1853 das Bekenntnis ab, sein Augenmerk "überall auf Landes-Kultur und Landes-Verschönerung gerichtet" zu haben.

Dass ihm das gelungen sei und "dass seine gestaltende Hand noch auf Jahrhunderte hinaus erkennbar sein wird", bescheinigte ihm nicht nur die Akademie der Künste zu Berlin, sondern ist in vielen Städten und Landschaften Deutschlands bis heute abzulesen. Sollte es seinen Nachfolgern im 21. Jahrhundert wirklich so völlig unmöglich sein, dem Vorbild nachzufolgen?

 

Bündnis Energiewende für Mensch & Natur

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